Jeder kennt das: Diskussionen die man nicht führen möchte muss man gelegentlich dennoch führen. So auch am Abend einer Veranstaltung in der Gassmühle.
Seit dem Saisonbeginn 2026 haben wir den Schwerpunkt der Eintrittsgestaltung in der Gassmühle geändert, denn bei den meisten Veranstaltungen sammeln wir nun einen Eintritt von i.d.R. 20 Euro ein. Das haben wir nicht aus einer Laune heraus entschieden, sondern fundiert begründet. (Reminder: bisher haben wir den Eintritt als freiwillig bezeichnet und eine Empfehlung über die Höhe ausgesprochen, der Eintritt wurde in der Jaucheschöpfkelle am Ende des ersten Sets eingesammelt.) Die meisten unserer Gäste verstehen unsere Entscheidung und tragen sie auch mit. Zum verständnislosen Kopfschütteln regt mich indes mancher Gast an, der hier am Eingang zaudert oder gar die Veranstaltung von der Straße aus verfolgt. Stehend. Rauchend. Kippen verstreuend.
So auch zum Konzert einer Bluesband aus Leipzig, die nicht zum ersten mal in der Gassmühle spielte. Bereits vor dem Konzert standen 3 potenzielle Gäste vor der Gassmühle und harrten der Dinge, die da passieren. Kurz vor Konzertbeginn habe ich die Herren dann mal angesprochen, ob ich etwas für sie tun könne. "Wir überlegen noch" war die Antwort. Nach einem kurzen Schwatz habe ich wie immer die Band begrüßt und das Konzert begann. - unglaublich aber wahr - die Herren standen weiterhin vor der Gassmühle und im 30min später von mir geführten und nachfragenden Gespräch beklagte sich der eine, dass nicht so viele Gäste da seien, der andere, er könne sich 20 Euro Eintritt nicht leisten, eventuell 10, aber 20 nicht - und der dritte war nur der Verstärker des zweiten, der zudem auch die Qualität der Veranstaltung bemängelte.
Nun aber mal langsam... wenn einem da nicht das Messer in der Tasche aufgeht (sprichwörtlich gemeint!). Da stehen drei Herren, die rauchend das Konzert verfolgen und sich dann über die Qualität oder den aus ihrer Sicht mangelhaften Besucherstrom beklagen und für einen vollendeten Konzertgenuss ist ihnen der Eintritt zu teuer.
Und weil ich immer gern meine persönlichen Rechtfertigungen darstelle, liste ich auch hier mal auf, was alles dazu gehört, eine solche Veranstaltungsstätte zu schaffen, zu erhalten und mit Leben zu erfüllen. Und das besonders an die Menschen gerichtet, die die "Umsonst"- und Geizmentalität in ihrem Leben zum obersten Ziel gestellt haben.
Für die Veranstaltungen sind viele verschiedene und komplexe Tätigkeiten erforderlich:
Zunächst muss es einen Ort geben, an dem die Voraussetzungen für solche Veranstaltungen gegeben sind. Es muss eine Immobilie vorhanden sein, ein Ort mit einem Gebäude. In der Immobilie muss es einen Raum geben, Sanitäranlagen, gesicherte Wege und Außenanlagen, die gefahrlos betreten werden können. Dazu gehört eine großartige bauliche Planung, diverse Genehmigungsverfahren, Gutachten über Schallimmission und ähnliche einzuhaltende Vorschriften. Genügend Parkmöglichkeiten müssen vorhanden sein, es müssen weitere Toiletten vorhanden sein, für die Ausgabe von Speisen und Getränken muss eine entsprechende geregelte Umgebungsform existieren, die auch hygienischen Standards entspricht.
Für die Durchführung von Veranstaltungen sind ebenso einige Genehmigungen erforderlich: Anträge für die einzelnen Veranstaltungen, Versicherungen für Haftpflicht als Veranstalter, Versicherungen für Unfälle und Gebäude, Versicherungen und Steuern für sonstigen Grund und Boden, Anschaffungen für Sitzgelegenheiten, wie Tische und Stühle, die auch noch in das entsprechende Ambiente passen, Sonnenschirme, Verschattungen, Bepflanzungen, Absperrungen müssen geschaffen werden, die Wege und Flächen müssen stolperfrei begehbar sein und letztendlich gepflegt und ansehnlich wirken, das heißt: Rasen säen, gießen und mähen. Blumen für eine ansprechende Bepflanzung sind nicht selbstverständlich.
Es muss Kontakte zu Künstlern geben, sowie zu Veranstaltern, zur Presse, zum Radio, zum Fernsehen, Kontakte zu potenziellen Besuchern. Die Bekanntmachung der Veranstaltung ist ein Schlüsselprozess, der sehr viel Zeit erfordert und unabdingbar ist. Die grafische Gestaltung der Aushänge und Pressemitteilungen ist zeitaufwändig und erfordert Kenntnisse, Fähigkeiten, Hard- und Software und sehr viel Zeit.
Für die gastronomische Versorgung müssen Getränke eingekauft, gelagert, gekühlt, auf Mindesthaltbarkeitsdaten kontrolliert werden, die Kühlschranktemperaturen müssen regelmäßig kontrolliert werden, die Wasserzuleitungen müssen regelmäßig vom Gesundheitsamt geprüft werden, das Gesundheitsamt fordert auch regelmäßig bei Kontrollen Nachbesserungen für bestehende Anlagen, die Speisen müssen eingekauft werden, es muss überlegt und kalkuliert werden, prognostiziert und abgeschätzt, und natürlich letztendlich das Überzählige leider auch verworfen werden.
Für den Betrieb der Kühlung und Erwärmung von Speisen und Getränken sind nicht nur Energiekosten erforderlich, sondern auch Menschen, die sich der Sache annehmen und aufpassen, dass Würstchen nicht verbrennen, genügend Brötchen vorhanden sind, die, wenn sie aufgebacken werden, auch nicht verbrennen, für die Bepreisung der Produkte muss es Hinweistafeln geben, ein Wegleitsystem, Informationstafeln, die über das aktuelle Programm informieren, es muss ein Zelt geben, damit der Sonnen- und Regenschutz gewährleistet ist, und letzten Endes benötigt jeder Kulturbetrieb ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Vorausschau, damit während den Veranstaltungen niemand zu Schaden kommt.
Für das Zeigen von Kulturfilmen oder anderen künstlerischen Werken an der Leinwand benötigt man natürlich entsprechende Technik, die Kenntnis über die Funktionsweise dieser Technik, entsprechende Medien müssen geordert werden, die aufgeführt werden dürfen, dazu gehört auch, die entsprechende Lizenzierung und GEMA-Gebühren zu zahlen, es muss entsprechende Bühnen- und Akustiktechnik vorhanden sein, die unter fünfstelligen Beträgen kaum zu haben sind. Bedient werden muss diese Technik auch von Menschen, die der Technik mächtig sind und auch in der Lage sind, in speziellen Notsituationen immer eine Alternative zu schaffen. Tontechnik erfordert Kabel, Mikrofone, Lautsprecher, Verstärker, Mischpult, Vorkehrungen für plötzliche Wetterereignisse, die Bühne muss sauber sein, mit einem entsprechenden Bodenbelag ausgestattet sein, Beleuchtet durch entsprechende Scheinwerfer, die Bühne darf auch nicht einfach so umfallen, wenn es einen kleinen Wind gibt, sie muss also gesichert sein. Dass auf der Bühne Menschen stehen, die ihre Kunst präsentieren, erfordert auch Sicherheitsvorkehrungen, und natürlich benötigen wir auch Künstler, die ihre Werke aufführen. Diese Künstler treten in Kontakt mit Besuchern, um Ihnen ein unvergessliches Kulturerlebnis zu ermöglichen. Ziel ist es, Freude zu schaffen und den Besucher mit Wohlbefinden nach Hause zu schicken.
Schlussendlich müssen die Künstler begleitet werden und die Möglichkeit haben, sich in einem Backstage-Bereich zu entspannen, umzuziehen und frisch zu machen, versorgt zu werden, mit Speisen und Getränken, sich in einer Umgebung zu orientieren, die ihr Arbeitsplatz ist, aber ihnen doch vorher völlig fremd war.
Dann ist für 90 Minuten Genuss auch noch eine Gage für die Künstler fällig. Dass der Veranstalter dies nicht als Wohltäter für die Gesellschaft allein stemmt, versteht sich von selbst. Auch Veranstalter müssen von ihren Einnahmen leben können. Deshalb gibt es einen Eintritt.
Im Anschluss an die Veranstaltung müssen Stühle und Tische weggeräumt und die Kissen eingesammelt werden, Geschirr und Leergut sortieren und einsammeln, säubern und wegräumen gehört auch dazu. Es müssen Kippen vom Rasen aufgesammelt werden, Müll beseitigt, Mülleimer geleert werden, Geschirr muss gespült werden, es muss wieder eine Inventur erfolgen, damit der Materialeinsatz koordiniert werden kann, es muss der Innenraum gereinigt werden, Toiletten geputzt, Papierhandtücher müssen nachgefüllt werden und Toilettenpapier ebenso. Zerstörtes Geschirr muss ersetzt werden, die Backstage-Bereiche müssen geputzt und aufgeräumt werden, Wäsche abgezogen und die Betten neu bezogen werden, Bäder und Toiletten im Backstage-Bereich oder in der Übernachtungsmöglichkeit der Künstler gereinigt werden. Die Abrechnung jedes einzelnen Tages mit dem Finanzamt, der GEMA, der Künstlersozialkasse, anderen Lizenzgebern und Dienstleistern sowie den Künstlern muss hier nicht extra erwähnt werden.
Fazit: diese Liste ist keinesfalls vollständig. Es erfordert sehr viel Zeit, Engagement und Geld, um für die Besucher sichtbare Ergebnisse zu schaffen und weiter zu entwickeln, die für ihr Wohlbefinden wichtig sind. Wir (die Veranstalter und Künstler) tun das gern, wünschen uns aber entsprechende Wertschätzung.
Gesellschaft funktioniert nur dann gut, wenn jeder Mensch dem weitläufig praktizierten Egoismus ein gesellschaftliches Wohlwollen entgegensetzt.

